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Senioren/Beruf/Ratgeber/KORR/
Übergang in den Ruhestand/SERIE
Anrufe beim Nachfolger sind tabu: Abschied vom Beruf
Von Carina Frey, dpa

Heiligenhaus (dpa/tmn) - Am Ende geht es ganz schnell: Die letzte
Konferenz ist geschafft, der letzte Gang ins Lager getätigt, ein
letztes Gespräch mit dem Chef geführt - dann ist plötzlich das
Berufsleben vorbei, und aus dem Spediteur, Einkäufer oder Buchhalter wird von heute auf morgen ein Rentner. Dass das irgendwann passiert, ist jedem Berufstätigen klar - sich dieses Ereignis bewusstzumachen und es vorzubereiten, fällt vielen jedoch schwer. Dabei kann gerade das den Start in den Ruhestand erleichtern.
 
Ein gelungener Übergang braucht Zeit. Ideal für die Firma ist es,
wenn der ausscheidende Mitarbeiter und sein Nachfolger schon ein Team bilden. Zumindest aber sollten ihnen einige Wochen für die Übergabe zur Verfügung stehen. Dann werden nicht nur die Fakten weitergegeben, sondern es bleibt auch Gelegenheit, über Erfahrungen zu sprechen, sagt Walter Braun, Diplom-Psychologe aus Heiligenhaus  (Nordrhein-Westfalen).

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Foto: Hans Wiedl
«Erzählen Sie ihrem Nachfolger Geschichten aus dem Arbeitsalltag,
die für Sie wichtig waren», rät Braun. Diese Erfahrungen seien für
die Arbeit wichtig, aber nirgendwo dokumentiert. Und sie gehen mit dem ausscheidenden Mitarbeiter verloren. Es sei denn, dieser hat die Möglichkeit, sie weiterzugeben - und die Bereitschaft dazu. «Es gibt immer wieder Leute, die nur das Notwendigste erzählen und sich an ihren Job klammern.»

Das passiert vor allem dann, wenn Mitarbeiter frühzeitig in Rente
geschickt werden und das Gefühl haben, sie könnten noch viel leisten. «Eine zwangsweise Verrentung macht den Ablöseprozess schwieriger», sagt Prof. Frerich Frerichs vom Institut für Gerontologie, Altern und Arbeit der Universität Vechta. Doch auch längst nicht jeder, der freiwillig ausscheidet, hat sich mit dem Danach auseinandergesetzt. Warten keine Hobbys oder Freunde, fällt der Abschied vom Job schwerer.

«Die Vorbereitung auf den Ruhestand fängt nicht in den letzten
Arbeitstagen an», sagt Prof. Frerichs. Er rät, sich schon drei Jahre
vor dem Stichtag erste Gedanken über die Gestaltung des neuen
Lebensabschnitts zu machen. Denn darum handelt es sich: «Die
Nachberufszeit umfasst noch 20 bis 40 Jahre. Das ist zu viel Zeit, um sich nur ein bisschen zu beschäftigen», sagt Sigi Clarenbach,
Diplom-Sozialpädagogin von der Evangelischen Akademie Bad Boll.

Diese Überlegungen brauchen Zeit und Freiraum: Wer bis zum Ende beruflich stark eingebunden ist, tut sich schwer, Pläne zu schmieden, Hobbys nachzugehen und Freundschaften zu pflegen - Tipps, die zur Vorbereitung auf den Ruhestand meist gegeben werden. Manche Firmen, aber auch private Einrichtungen bieten Seminare an, die bei der Neuorientierung helfen sollen. Eine davon ist die Akademie Bad Boll.

Bevor die Seminarteilnehmer dort über ihr Leben als Rentner
nachdenken, blicken sie zurück. «Wir klären zunächst, was der Beruf dem Einzelnen gegeben hat», sagt Clarenbach. Dazu gehörten neben dem Gehalt vor allem Lob und Anerkennung, neues Wissen und der Kontakt zu Kollegen. «Man war Teil einer Firma, hat zu deren Erfolg beigetragen, das bringt auch Prestige.» Die Kehrseite der Berufstätigkeit seien Stress, der Zwang, jeden Tag zu erscheinen, mangelnde Freizeit und damit der Verlust von Hobbys und Freunden.

«Es zeigt sich immer wieder, dass die Arbeit den Teilnehmern sehr
viel gegeben hat», sagt Clarenbach. «Im nächsten Schritt fragen wir dann: ”Wie kann ich das, was ich über den Beruf erhalten habe, auf anderem Weg wiederbekommen?» Welche Ideen haben die Teilnehmer, welche Wünsche? Und wie lassen die sich umsetzen? Im Seminar werde überlegt, womit begonnen wird und wie es später weitergeht.

Rückt der letzte Arbeitstag näher, gilt es nach und nach den
Abschied von der Firma einzuleiten. «In den letzten vier Wochen muss ich meine Arbeiten beenden. Wer Kontakt zu Kunden hatte, sollte sie über das Ausscheiden und den Nachfolger informieren», rät Walter Braun. Später muss das Büro oder die Werkbank aufgeräumt und auch entfernteren Kollegen tschüss gesagt werden.

Vor einer Abschiedsfeier oder einem kleinen Empfang sollte sich
der künftige Ruheständler nicht drücken. «Dieser öffentliche
Schlussstrich ist enorm wichtig», sagt Braun. Und er sollte unbedingt eine Grenze markieren. Später beim Nachfolger anzurufen und sich zu erkundigen, wie es läuft, sei tabu. «Der fühlt sich kontrolliert.»

Natürlich können Kontakte zu Kollegen aufrechterhalten werden.
«Dafür würde ich mich aber irgendwo verabreden», rät Clarenbach. Es heiße bei Abschieden zwar immer: «Komm mal vorbei». Doch tatsächlich habe bei einem Besuch meist keiner Zeit. «Das hinterlässt schnell ein negatives Gefühl.» Gefährlich sei auch zu hoffen, dass der Kontakt in gleicher Intensität bestehen bleibt, sagt Prof. Frerichs. «Und wenn vorher mit Kollegen keine echte Freundschaft bestand, wird sie sich auch später nicht entwickeln», ergänzt Braun.

Wer die Kollegen in der Firma lediglich besucht, um zu hören, wie
wichtig er war, der tut sich keinen Gefallen, warnt der Psychologe. «Dann suche ich Beweise, dass es töricht war, mich gehen zu lassen, und schaffe nicht den Absprung. Diese Energie sollte ich besser darauf verwenden, das neue Leben zu gestalten.»

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