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Wo war noch mal...? - Das Gedächtnis richtig trainieren
Von Nina C. Zimmermann, dpa

Zürich/Essen (dpa/tmn) - Verdammt, wo lag noch mal die Karte mit der Zitrone? Während die Mutter noch grübelt, hat der kleine Sohn die Zitrusfrucht schon gefunden und gleich drei weitere
Memory-Kartenpaare richtig aufgedeckt. Er sieht das ganze Spiel als ein großes Bild und merkt sich die Details. Seine Mutter versucht dagegen, nur mit Rationalität die richtige Karte zu finden - und nutzt ihr Hirn nicht mehr optimal.

Je älter ein Mensch wird, desto mehr verliert sein Stirnhirn an
Funktionsfähigkeit und Volumen, wenn es nicht immer wieder gefordert wird. Das macht sich durch nachlassende Gedächtnisleistung bemerkbar. Neuronale Netzwerke, die im Hirn bestimmte Kontrollfunktionen wie Aufmerksamkeit und Konzentration koordinieren, bauen ab. Mit «Use it or loose it» - benutz es oder verlier es -, umschreibt Prof. Lutz Jäncke diesen Prozess. Das Gehirn sei von sich aus faul. Es erfordere
die regelmäßige Benutzung verschiedener Areale, damit es nicht
schrumpft.

Foto: www.markus-hofmann.de
   Der Neuropsychologe von der Universität Zürich rät, mit
zunehmendem Alter Aufmerksamkeit und Konzentration zu trainieren. Er nennt ein Beispiel: Wer die Zahlenreihe 1 - 7 - 9 - 6 gesagt bekomme und sie wiederholen soll, leistet eine reine Gedächtnisaufgabe. Wer dagegen nach dem Hören überprüfen solle, ob die letzte Zahl identisch mit der vorletzten ist, muss etwas überlegen und fordert sein Hirn dadurch mehr.

Viele typischerweise als Gedächtnistraining bezeichneten Aufgaben hält Jäncke dagegen für nutzlos - Kreuzworträtsel lösen etwa. Das gelte vor allem für ältere Menschen, die die Kästchen in
atemberaubender Geschwindigkeit ausfüllen. «Das läuft automatisiert ab, Kontrollfunktionen des Hirns werden nicht genutzt.» Nur wenn auch das Stirnhirn an einer Übung beteiligt ist, gebe es einen Trainingseffekt. Der sei erkennbar an der Ermüdung - wer aber fühlt sich nach einem einfachen bis mittelschweren Kreuzworträtsel schon völlig erschöpft?

Auch Prof. Hans Georg Nehen von der Memory-Clinic am
Elisabeth-Krankenhaus in Essen rät davon ab. «Jeden Tag ein
Kreuzworträtsel lösen heißt noch nicht, dass Sie sich den
Einkaufzettel besser merken können.» Sinnvoll seien andere einfache Übungen. «Wenn Sie an der roten Ampel stehen, gehen Sie in Gedanken Ihren Weg zurück. Wie viele Kreuzungen haben Sie passiert?» Oder man stellt sich vor dem geistigen Auge vor, wie viele Kreuzungen noch kommen. «Schon eine geringe Trainingsdauer ist effizient», betont Nehen, der auch dem Bundesverband Gedächtnistraining vorsitzt.

Das sieht Markus Hofmann ähnlich: «Es aktiviert das Hirn, sich
jeden Tag neuen geistigen Aufgaben zu stellen.» Nicht immer dasselbe zu machen - das sei pures Gehirnjogging, sagt der Gedächtnistrainer aus München. «Putzen Sie sich mal mit links die Zähne, fahren Sie einen anderen Weg zur Arbeit, drehen Sie die Zeitung zum Lesen auf den Kopf oder dirigieren Sie bei Ihrer Lieblings-CD mit.» Wie beim Erlernen eines Musikinstruments würden dadurch komplett neue Bereiche im Hirn angeregt, neue Hirnzellen aktiviert und die Verbindungen zwischen den Nervenzellen - die Synapsen - leistungsfähiger.

Etwas Neues zu erlernen, muss aber auch einen Zweck haben, damit es dem Gedächtnis nützt. «Eine Telefonnummer auswendig zu lernen, ist ziemlich sinnlos. Der Gewinn wäre dürftig», urteilt Jäncke. «Größer ist er, wenn ich etwas lerne, wovon ich im Leben einen 'benefit' habe - zum Beispiel eine Sprache, die ich dann gleich im nächsten Urlaub anwende.» Das Hirn sei immer dann besonders aktiv, wenn es mehrere Aufgaben gleichzeitig machen oder eine Sache erledigen muss, die für das Überleben wichtig ist - und das kann die neue Sprache im Urlaub durchaus sein.

Besonders gut trainieren lässt sich der Geist in Kombination mit
Bewegung. Joggen und sich dabei unterhalten ist quasi ein erster
Schritt dahin. Wissenschaftlich erklärt Nehen das so: Läuft ein
Mensch herum, habe er unbewusst ein stabiles Raumgefühl. Sein Hirn sei dadurch schon auf einem bestimmten Niveau aktiviert. «Setzt man darauf noch das Gedächtnistraining, bezieht das noch mehr Hirnregionen ein.» Forscher hätten das sogar nachgewiesen: In einer Studie mussten Teilnehmer, die auf einem Ergometer saßen, immer schwerer werdende Mathe-Aufgaben lösen. Eine Vergleichsgruppe an Schreibtischen habe deutlich mehr Fehler gemacht, erläutert Nehen.

Wichtig ist außerdem, dass das Gehirntraining Freude macht. Spaß
sei ein Vehikel, Wissen in das Langzeitgedächtnis zu bringen, sagt
Hofmann. Fühlt sich jemand wohl, setzt sein Gehirn Neurotransmitter wie Dopamin frei. Diese sind Voraussetzung dafür, dass die elektrochemischen Impulse in den Nervenzellen weitergeleitet werden - das Lernen funktioniert dann besonders gut.

«Das Gedächtnis arbeitet viel emotionaler, als wir annehmen -
nicht nur rational», ergänzt Nehen. Das Hirn braucht daher unbedingt auch Gefühlsreize, um in Schwung zu bleiben. Nicht umsonst heiße es im Englischen und Französischen «learn by heart» beziehungsweise «apprendre par coeur»: Etwas Auswendiggelerntes bleibt nur dann gut im Kopf, wenn das Herz dran hängt.

Literatur: Markus Hofmann: Hirn in Hochform - So funktioniert Ihr
Gehirn. Ueberreuter, ISBN: 978-3-80000-7391-7, 19,95 Euro; Ursula Oppolzer: Verflixt, das darf ich nicht vergessen. Band 2. Humboldt, ISBN: 978-3-86910-462-1, 14,90 Euro.

INFO-KASTEN: Den Einkaufszettel merken

Gedächtnistrainer Markus Hofmann macht seine Einkaufsliste zum
Kino im Kopf und greift dafür zu einer uralten Technik - der
Loci-Methode: «Verbinden Sie einfach alle Artikel mit einem
Körperteil, von unten nach oben», rät er. Zu Tomaten, Mehl und Zucker stellt er sich zum Beispiel vor: «Die Tomaten liegen zermatscht auf den Zehen, Mehl rieselt aus den Kniescheiben und Zucker rieselt aus dem Bauchnabel.» Im Supermarkt ruft er dann einfach diese Orte nacheinander wieder ab und weiß dann, was mit zur Kasse muss.

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