Familie und Partnerschaft

Wie lassen sich dreijährige Trotzköpfe beruhigen? Warum boomen Vaterschaftstests? Was hält die Partnerschaft lebendig? Und wie viel Weiblichkeit ist im Job erlaubt? Solche Fragen werden mittwochs im Ressort Frauen und Familie beantwortet. Zusätzlich gibt die Rubrik «Erziehungs-ABC» Tipps für Eltern. Aktuelle Meldungen ergänzen das Programm.

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Immer auf Trab: Tüchtige Frauen wollen alles meistern
Von Carina Frey, dpa

Schwäbisch Hall (dpa/tmn) - Manche Frauen funktionieren einfach: Bei der Arbeit erledigen sie die Aufgaben der erkrankten Kollegin mit, nachmittags helfen sie den Kindern bei den Schularbeiten, putzen in der Zwischenzeit die Küche, und abends geben sie ihrem Mann Ratschläge für den Job. Tüchtige Frauen bekommen das alles hin und machen es sogar gern. Besonders geliebt werden sie dafür nicht - denn eigentlich sind sie anstrengend. Und häufig kommt es irgendwann zum großen Knall. Das lässt sich vermeiden, wenn tüchtige Frauen fünf auch mal gerade sein lassen und häufiger an sich selbst denken.

Tüchtige Frauen machen nicht nur viel, sie sind auch
Perfektionisten: «Ihr Verhalten ist durch hohe Erwartungen an sich selbst und ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl bestimmt», erklärt Beate Scherrmann-Gerstetter, Diplom-Pädagogin und Buchautorin aus Schwäbisch Hall. Was zunächst positiv klingt, kann nerven. Denn tüchtige Frauen sehen Probleme, wo sich andere überhaupt noch keine Gedanken gemacht haben. «Sie haben dadurch etwas Penetrantes.»

Frauen
Foto: Jens Schierenbeck

Und tüchtige Frauen wissen natürlich auch, was für andere am
besten ist. Schließlich haben sie schon alles durchdacht. «Ihr Mann hört sich ihre Vorschläge an, brummt vielleicht etwas wie Zustimmung, aber ändern wird er vermutlich nichts», sagt Scherrmann-Gerstetter. Dann herrscht dicke Luft, weil sich die Frau missachtet fühlt.

«Eigentlich wollen tüchtige Frauen hören: ”Toll, wie du das alles
schaffst”», erklärt Christine Weiner, Autorin und Beraterin aus
Mannheim. Es sei auch der Wunsch nach dem Elternlob, das in der
Kindheit fehlte. «Tüchtige Frauen haben ein geringes Selbstwertgefühl und definieren sich deshalb über die Anerkennung durch andere», ergänzt der ebenfalls aus Mannheim stammende Diplom-Psychologe Rolf Merkle.

Damit nicht genug: Tüchtige Frauen erwarten insgeheim auch, dass andere nett zu ihnen sind. Grummelt der Mann schlecht gelaunt vor sich hin, sehen sie das als Beleidigung. «Die denken dann: ”Das ist so ungerecht. Ich mache so viel für ihn, er könnte sich wenigstens zusammen nehmen”», sagt Scherrmann-Gerstetter.

Sich zusammennehmen und anderen nicht zur Last fallen, das haben tüchtige Frauen früh gelernt. Beate Scherrmann-Gerstetter nennt sie «brave Töchter». «Brave Töchter haben in der Kindheit schon etwas geleistet.» Sie wollten ihre - aus welchen Gründen auch immer - belasteten Eltern unterstützen und es ihnen leicht machen. Für diese Frauen sei es daher selbstverständlich, für andere mitzudenken und zu funktionieren. «Die sagen: Ich bin halt so erzogen worden.»

So wird dieses Verhalten zur zweiten Natur - auch als Erwachsene. Das kann viele Jahre gut gehen, doch oft kommt irgendwann der große Knall. Schwierig werde es, wenn die Frauen erwarten, dass andere sie entlasten, diesen Wunsch aber nicht äußern, sondern irgendwann explodieren oder von der Belastung zusammenbrechen, erklärt Merkle.

Manchmal wird die Krise auch von außen ausgelöst - etwa wenn der Mann plötzlich eine Freundin hat. «Es werden mehr tüchtige Frauen verlassen als untüchtige», sagt Weiner. Denn Tüchtigkeit sei überhaupt nicht sexy. «Die Frauen wollen den Männern zeigen, was sie alles können und werden dadurch asexuell.» Die Männer suchten sich dann häufig «Zicken», die sich aushalten lassen, die dem Mann aber das Gefühl geben, gebraucht zu werden. «Auch Männer wollen mal bewundert werden, aber tüchtige Frauen bewundern niemanden. Sie können und wissen alles besser.»

Das gilt es zu ändern, wollen tüchtige Frauen nicht selbst auf der
Strecke bleiben und andere vergraulen. Der erste Schritt ist nach
Ansicht der Experten, sich den «Tüchtigkeitskreislauf» bewusst zu
machen und zu überlegen, was die Ursachen sind. «Was weiterhilft ist, sich im Verhältnis zu den eigenen Eltern neu zu positionieren», rät Scherrmann-Gerstetter. «Verabschieden Sie sich von der Vorstellung, dass Sie das Schicksal ihrer Eltern ändern können und dass Sie es allen recht machen müssen, um geliebt zu werden.»

Christine Weiner empfiehlt, die eigenen Rollen zu überdenken.
«Welche Rollen haben Sie? Welche sind besonders stark ausgeprägt?» Fließt zum Beispiel zu viel Energie in die Rolle der
Haushaltsmanagerin und bleibt zu wenig, um sich selbst etwas Gutes zu tun, gilt es das zu ändern. «Tüchtigkeit lässt sich nicht von heute auf morgen abstellen, aber Sie können das langsam abtrainieren.»

Dazu gehört, nicht alles regeln zu wollen und offen für die
Ansichten anderer zu sein. «Versuchen Sie nicht immer die Lösung für alles parat zu haben», rät Weiner. Hilfreich ist auch, sich in die
Rolle des anderen hinein zu versetzen. «Wie würde es mir gehen, wenn mein Mann mir immer wieder ”nachweist”, dass ich etwas falsch gemacht habe?», fragt Scherrmann-Gerstetter.

Und schließlich ist wichtig, die eigenen Ansprüche runter zu
schrauben, sagt die Autorin. «Von ”perfekten” Menschen kann Druck ausgehen, andere fühlen sich unterlegen. Schwächen zuzugeben verbindet und macht menschlich - vielleicht werden Sie sogar mehr geliebt, wenn Sie nicht so tüchtig sind.»

Literatur: Beate Scherrmann-Gerstetter, Manfred Scherrmann: Das Brave-Tochter-Syndrom, Herder Spektrum, ISBN-13: 978-3-451-05674-1, 8,90 Euro; Rolf Merkle: Laß Dir nicht alles gefallen, Pal, ISBN-13: 978-3923614356, 12,80 Euro; Christine Weiner, Carola Kupfer: Das Pippilotta-Prinzip, Campus, ISBN-13: 978-3593377681, 16,90 Euro.

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