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Immer auf
Trab: Tüchtige Frauen wollen alles meistern
Von Carina Frey, dpa
Schwäbisch Hall (dpa/tmn) - Manche Frauen funktionieren
einfach:
Bei der Arbeit erledigen sie die Aufgaben der erkrankten Kollegin mit,
nachmittags helfen sie den Kindern bei den Schularbeiten, putzen in der
Zwischenzeit die Küche, und abends geben sie ihrem
Mann
Ratschläge für den Job. Tüchtige
Frauen bekommen
das alles hin und machen es sogar gern. Besonders geliebt werden sie
dafür nicht - denn eigentlich sind sie anstrengend. Und
häufig kommt es irgendwann zum großen Knall. Das
lässt
sich vermeiden, wenn tüchtige Frauen fünf auch mal
gerade
sein lassen und häufiger an sich selbst denken.
Tüchtige Frauen machen nicht nur viel, sie sind auch
Perfektionisten: «Ihr Verhalten ist durch hohe Erwartungen an
sich selbst und ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl
bestimmt», erklärt Beate Scherrmann-Gerstetter,
Diplom-Pädagogin und Buchautorin aus Schwäbisch Hall.
Was
zunächst positiv klingt, kann nerven. Denn tüchtige
Frauen
sehen Probleme, wo sich andere überhaupt noch keine Gedanken
gemacht haben. «Sie haben dadurch etwas
Penetrantes.»
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| Foto: Jens
Schierenbeck |
Und tüchtige Frauen wissen natürlich auch, was
für andere am
besten ist. Schließlich haben sie schon alles durchdacht.
«Ihr Mann hört sich ihre Vorschläge an,
brummt
vielleicht etwas wie Zustimmung, aber ändern wird er
vermutlich
nichts», sagt Scherrmann-Gerstetter. Dann herrscht dicke
Luft,
weil sich die Frau missachtet fühlt.
«Eigentlich wollen tüchtige Frauen hören:
”Toll, wie du das alles
schaffst”», erklärt Christine Weiner,
Autorin und Beraterin aus
Mannheim. Es sei auch der Wunsch nach dem Elternlob, das in der
Kindheit fehlte. «Tüchtige Frauen haben ein geringes
Selbstwertgefühl und definieren sich deshalb über die
Anerkennung durch andere», ergänzt der ebenfalls aus
Mannheim stammende Diplom-Psychologe Rolf Merkle.
Damit nicht genug: Tüchtige Frauen erwarten insgeheim auch,
dass
andere nett zu ihnen sind. Grummelt der Mann schlecht gelaunt vor sich
hin, sehen sie das als Beleidigung. «Die denken dann:
”Das
ist so ungerecht. Ich mache so viel für ihn, er
könnte
sich wenigstens zusammen nehmen”», sagt
Scherrmann-Gerstetter.
Sich zusammennehmen und anderen nicht zur Last fallen, das haben
tüchtige Frauen früh gelernt. Beate
Scherrmann-Gerstetter
nennt sie «brave Töchter».
«Brave Töchter
haben in der Kindheit schon etwas geleistet.» Sie wollten
ihre -
aus welchen Gründen auch immer - belasteten Eltern
unterstützen und es ihnen leicht machen. Für diese
Frauen sei
es daher selbstverständlich, für andere mitzudenken
und zu
funktionieren. «Die sagen: Ich bin halt so erzogen
worden.»
So wird dieses Verhalten zur zweiten Natur - auch als Erwachsene. Das
kann viele Jahre gut gehen, doch oft kommt irgendwann der
große
Knall. Schwierig werde es, wenn die Frauen erwarten, dass andere sie
entlasten, diesen Wunsch aber nicht äußern, sondern
irgendwann explodieren oder von der Belastung zusammenbrechen,
erklärt Merkle.
Manchmal wird die Krise auch von außen ausgelöst -
etwa wenn
der Mann plötzlich eine Freundin hat. «Es werden
mehr
tüchtige Frauen verlassen als untüchtige»,
sagt Weiner.
Denn Tüchtigkeit sei überhaupt nicht sexy.
«Die Frauen
wollen den Männern zeigen, was sie alles können und
werden
dadurch asexuell.» Die Männer suchten sich dann
häufig
«Zicken», die sich aushalten lassen, die dem Mann
aber das
Gefühl geben, gebraucht zu werden. «Auch
Männer wollen
mal bewundert werden, aber tüchtige Frauen bewundern
niemanden.
Sie können und wissen alles besser.»
Das gilt es zu ändern, wollen tüchtige Frauen nicht
selbst auf der
Strecke bleiben und andere vergraulen. Der erste Schritt ist nach
Ansicht der Experten, sich den
«Tüchtigkeitskreislauf» bewusst zu
machen und zu überlegen, was die Ursachen sind. «Was
weiterhilft ist, sich im Verhältnis zu den eigenen Eltern neu
zu
positionieren», rät Scherrmann-Gerstetter.
«Verabschieden Sie sich von der Vorstellung, dass Sie das
Schicksal ihrer Eltern ändern können und dass Sie es
allen
recht machen müssen, um geliebt zu werden.»
Christine Weiner empfiehlt, die eigenen Rollen zu überdenken.
«Welche Rollen haben Sie? Welche sind besonders stark
ausgeprägt?» Fließt zum Beispiel zu viel
Energie in
die Rolle der
Haushaltsmanagerin und bleibt zu wenig, um sich selbst etwas Gutes zu
tun, gilt es das zu ändern. «Tüchtigkeit
lässt
sich nicht von heute auf morgen abstellen, aber Sie können das
langsam abtrainieren.»
Dazu gehört, nicht alles regeln zu wollen und offen
für die
Ansichten anderer zu sein. «Versuchen Sie nicht immer die
Lösung für alles parat zu haben»,
rät Weiner.
Hilfreich ist auch, sich in die
Rolle des anderen hinein zu versetzen. «Wie würde es
mir
gehen, wenn mein Mann mir immer wieder ”nachweist”,
dass
ich etwas falsch gemacht habe?», fragt Scherrmann-Gerstetter.
Und schließlich ist wichtig, die eigenen Ansprüche
runter zu
schrauben, sagt die Autorin. «Von
”perfekten”
Menschen kann Druck ausgehen, andere fühlen sich unterlegen.
Schwächen zuzugeben verbindet und macht menschlich -
vielleicht
werden Sie sogar mehr geliebt, wenn Sie nicht so tüchtig
sind.»
Literatur: Beate Scherrmann-Gerstetter, Manfred Scherrmann: Das
Brave-Tochter-Syndrom, Herder Spektrum, ISBN-13: 978-3-451-05674-1,
8,90 Euro; Rolf Merkle: Laß Dir nicht alles gefallen, Pal,
ISBN-13: 978-3923614356, 12,80 Euro; Christine Weiner, Carola Kupfer:
Das Pippilotta-Prinzip, Campus, ISBN-13: 978-3593377681, 16,90 Euro.
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